Chinas Abkoppelungsrechnung: Warum Deutschland fast die Hälfte der EU-Kosten tragen soll
Wer chinesische Technik aus der europäischen Infrastruktur verdrängt, zahlt dafür einen hohen Preis – zumindest laut einer neuen Kostenrechnung aus Peking. Eine im Auftrag der China Chamber of Commerce to the EU (CCCEU) erstellte KPMG-Studie schätzt die Gesamtkosten für den Austausch chinesischer Anbieter in 18 kritischen Sektoren auf rund 368 Milliarden Euro (ca. 433 Milliarden Dollar) – verteilt auf den Zeitraum 2026 bis 2030. Für Verbraucher und Unternehmen in Deutschland bedeutet das: Die politische Debatte um Netzwerksicherheit wird zunehmend zur Kostenfrage.
Das Gewicht des deutschen Marktes
Deutschland trägt laut der Studie mit 170,8 Milliarden Euro fast die Hälfte der gesamten EU-Last. Der Grund liegt in der tiefen Verwurzelung chinesischer Anbieter in der heimischen Infrastruktur: 59 Prozent der deutschen 5G-RAN-Ausrüstung stammen von Huawei, beim 4G-Netz sind es 57 Prozent (Stand 2022). Bosch, Siemens, Continental und die großen Netzbetreiber müssten binnen 36 Monaten europäische oder japanische Alternativen beschaffen – in Mengen, deren Verfügbarkeit derzeit unsicher ist.
Neben Deutschland übersteigen die prognostizierten Kosten in Frankreich (46 Milliarden Euro), Italien (37 Milliarden Euro), Spanien, Polen und den Niederlanden jeweils die Schwelle von 10 Milliarden Euro. Der Schaden entsteht laut Studie nicht nur durch den reinen Geräteaustausch, sondern auch durch die Abschreibung laufender Anlagen, geringere Netzeffizienz und verzögerte Digitalisierungsprojekte.
Lobbyoffensive oder realistische Schätzung?
Die Studie ist mit Vorsicht zu lesen. Auftraggeber ist die CCCEU – ein offizieller Interessenverband der chinesischen Wirtschaft in Europa, KPMG wurde als Dienstleister engagiert. Die Zahl ist damit eine Advocacy-Position, keine neutrale Projektion. The Next Web weist darauf hin, dass das EU Institute for Security Studies die strukturellen Austauschprobleme zwar grundsätzlich bestätigt, die Europäische Kommission aber noch keine eigene Folgenabschätzung veröffentlicht hat – diese wird frühestens 2026 erwartet und dürfte zu anderen Zahlen kommen.
Die Revision des EU Cybersecurity Act (CSA2), die den Rahmen für mögliche Ausschlüsse bildet, befindet sich noch in einem frühen Gesetzgebungsstadium. Ob und wann bindende Fristen kommen, ist offen.
Berlins Antwort
Die Merz-Regierung hat im Oktober 2025 eine 18-Milliarden-Euro-Technologieagenda gestartet, die Felder wie KI, Quantencomputing, Halbleiter und Biotechnologie abdeckt. Sie gilt als Gegenmaßnahme zur strukturellen Abhängigkeit von chinesischen Anbietern. Die Finanzierungslücke ohne koordinierte EU-Mittel bleibt jedoch bestehen. Für Verbraucher ist der unmittelbare Effekt gering – die eigentliche Last liegt bei Netzbetreibern, Energieversorgern und Industrieunternehmen, die chinesische Komponenten heute noch im laufenden Betrieb nutzen.