Gigawatt auf Umlaufbahn: SpaceXAI und Anthropic planen orbitale KI-Infrastruktur
Anthropic hat sich exklusiven Zugang zum gesamten Colossus-1-Supercomputer von SpaceXAI gesichert – einem Cluster mit über 220.000 Nvidia-Grafikprozessoren und einer Leistung von 300 Megawatt. Das Abkommen betrifft direkt die Nutzer von Claude Pro und Claude Max, die künftig von deutlich mehr Rechenkapazität profitieren sollen. Gleichzeitig erkunden beide Unternehmen eine noch weitreichendere Idee: orbitale Rechenzentren mit mehreren Gigawatt Leistung.
Das Fundament: Colossus 1
Colossus 1 steht in Memphis, Tennessee, und wurde 2024 in nur 122 Tagen errichtet. Der Cluster vereint bewährte H100- und H200-Beschleuniger mit den neuesten GB200-Chips der Blackwell-Architektur von Nvidia. Der gesamte Strom kommt größtenteils von 35 eigenen Gasturbinen vor Ort – ein Modell, das Netzanschluss-Engpässe umgeht, aber auch erhebliche Emissionen verursacht: Laut Berichten des Southern Environmental Law Center stoßen die Turbinen jährlich bis zu 2.000 Tonnen Stickoxide aus. Einen Ausgleich dafür hat SpaceXAI bislang nicht angekündigt.
Anthropic wächst derzeit mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 80x – so äußerte sich CEO Dario Amodei auf einer Entwicklerkonferenz im Mai 2026. Dieser Bedarf macht den Zugriff auf fremde Rechenkapazität zwingend notwendig, da der eigene Ausbau mit dem Wachstum nicht mithalten kann.
Die Idee: Rechnen im Orbit
Der spekulativere Teil des Abkommens betrifft orbitale Systeme. Das Argument: Im Weltall steht Solarenergie rund um die Uhr zur Verfügung, und das Vakuum ermöglicht neue Kühlansätze ohne Wasserverbrauch. SpaceX hat im Januar 2026 entsprechende FCC-Unterlagen eingereicht; Anthropic hat Interesse bekundet. Einen konkreten Zeitplan, Kostenschätzungen oder technische Meilensteine gibt es bislang nicht.
Ob die Physik mitspielt, ist offen. Unabhängige Studien – darunter eine Analyse der Universität des Saarlandes sowie der ESA-nahe ASCEND-Bericht – zeigen, dass die benötigten Kühlflächen im Orbit enormen Aufwand bedeuten und die Startkosten den Lebenszyklus-CO₂-Vorteil schnell zunichte machen können.
Die europäische Lücke
Während SpaceXAI terrestrische und orbitale Kapazitäten in einer Hand konzentriert, fehlt Europa ein vergleichbarer Akteur. Mistral AI und OVHcloud verfolgen bodengebundene Alternativen unter den Vorgaben des EU-KI-Gesetzes. Für deutsche Unternehmen, die auf US-Cloudanbieter angewiesen sind, verschärft sich die Abhängigkeit – ein Argument, das die Dringlichkeit des europäischen Chips Act unterstreicht.
Das Colossus-Modell – schneller Aufbau mit eigener Stromversorgung vor Ort – ist auch regulatorisch relevant: In Deutschland verzögern Netzanschlussverfahren der Bundesnetzagentur Großprojekte häufig um Jahre. Wie SpaceXAI diesen Engpass in den USA umging, dürfte Planern hierzulande nicht entgehen.